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Nie wieder solche Kokosbusserl
Mit der Bregenzer Bäckerei Vochazer schließt ein Stück
Stadtgeschichte ab Der Münchner Stammgast hat zum letzten Mal seine drei Kilo Kekse abgeholt. Gestern trat einer mit Sektflasche und Gläsern in den Laden. Und nicht nur im Deuringschlössle sucht man nun nach einem neuen Lieferanten dieser unvergleichlichen Baguette. Georg Vochazer geht in Pension. Seine Bäckerei am Aufgang zur Bregenzer Oberstadt war ein Stück Stadtgeschichte. Das prächtige Jugendstilhaus hat Hans Kronberger 1903 errichtet. Im Verkaufsraum darin hat sich seit der Wiedereröffnung 1955 kein Stück verändert. Da steht keine Kühlvitrine rum mit abgepackten Säften und eingeschweißter Wurst. "Joggingbrot" sucht man vergebens. Und Leberkäs wird auch nicht verkauft. Dafür zieht der unverwechselbare Duft von frischem Brot aus der Backstube herüber, der sich tief ins Mobiliar eingegraben hat. Bäckereien gibt es viele. So eine nur noch selten. Nach 46 Jahren Aber Ende Woche ist Schluss. Am Samstag geht "der Vochazer" in Pension. Ist 46 Jahre lang jeden Wochentag um halb zwei aufgestanden und Freitagnacht sogar um elf. Hat dann bis Samstagnachmittag durchgebacken. Jetzt hört er auf. Dagegen ist leider nichts zu sagen. Doch traurig ist's schon, sagt Frau Ilse, die sich eben noch drei Pärle einpacken lässt. Und die anderen nicken. Frau Ingeborg kassiert und lächelt verlegen. "So lieb" sind die Stammkundschaften, deren Vornamen auf kleinen weißen Zetteln die Scheibe zum Bürokabäuschen zieren. Aber Ingeborgs Freund seit 30 Jahren war nicht zu überreden. Vochazer wurde gerade 60 Jahre alt. Jetzt will er "halt auch einmal ins Theater gehen, ohne drei Stunden später wieder aufzustehen, verstehen's?". "Edi" heißt Georg Der "Edi" spricht mit ungemein lauter Stimme und heißt eigentlich Georg Vochazer. Aber selbst im Telefonbuch steht er noch unter dem Vornamen seines Vaters, Eduard, verzeichnet. Denn Frieda und Eduard Vochazer wurden nach Begründung der ersten Bäckerei in der Kirchstraße 1921 rasch zur Institution. Vor allem, weil der alte Vochazer war, was man heute wohl "eine Type" nennen würde. Vor allem war er ein Verkaufsgenie. Georg Vochazer zieht ein altes Brotsäckle aus Papier hervor - von 1937. Darauf gedruckt steht der Fahrplan für Bahn und Schiff zu lesen, übertitelt von der Aufforderung: "Fahren Sie also fleißig zu Vochazer, Bregenz." Denn was es dort zu kaufen gibt, ist "nahrhaft, ausgiebig und preiswert". Eduard Vochazer hat als Erster Eis über die Gasse verkauft und hatte damals "den größten Eierverbrauch von Vorarlberg, Tirol und Salzburg": 3000 Stück hat er zu Ostern verbacken. Schokoladetafeln gab's damals nur beim Konditor. Und da hat er dann rasch einigen Schulkindern eine Tafel in die Hand gedrückt, die daraufhin glückselig lächelnd fürs Foto possierten. So einer war das. Legendär seine Zeitungsinserate in Ge-dichtform: "Geht ihr vorbei ins Stadtspital arme Kranke zu besuchen, geht zu Vochazer zuerst einmal, nehmt feines Gebäck mit und auch Kuchen." Was der Vater wollte Nach dem Krieg fing er 1955 in der Maurachgasse wieder an, wo ab 14. September sein Sohn Georg bei ihm die Lehre machte. Ob er auch Bäcker werden wollte, "war nicht die Frage. Man hat halt gemacht, was der Vater entschieden hat." Zwischendurch eilt Georg immer wieder zu seinem alten Bakelittelefon mit Wählscheibe. Weil Kunden anrufen. "Anis-Löable gibt's morgen wieder" und "ja richtig, I gang in Pension." Und dann lamentiert der Kunde und steht wenig später im Geschäft und kauft sich auf Vorrat Cremetörtchen oder Kokosbusserln oder wofür er eben schwärmt. Weil's die ab Samstag nicht mehr geben wird. Dann wandern die alten Maschinen "in den Osten", weil die hier keiner haben will. Bis auf das alte Stück aus den 30ern, das noch immer rumpelnd den Keksteig rührt. Das will sich der Georg Vochazer irgendwo aufstellen. Und vielleicht schreibt er auch ein Kochbuch. Oder er schaut sich die Kinderzeichnungen an, die jetzt ins Haus flattern. "Schade, das sie nich weiter backen", hat der achtjährige Daniel mit krakeliger Handschrift draufgeschrieben.
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